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Zum Tode von Ferdinand Piëch - ein Nachruf der anderen Art

28. Aug. 2019 I Autor: Hansy Schekahn I 671 mal gelesen
Zum Tode von Ferdinand Piëch - ein Nachruf der anderen Art
Er formte Volkswagen, Audi und Porsche und war geliebt und verhasst zugleich: Der letzte echte Autoboss Ferdinand Piech

Auto-Patriarch, Volkswagen-Mitbesitzer, der "beste Auto Ingenieur der Welt" - Ferdinand Piëch ist tot: Er wurde 82 Jahre alt und starb überraschend am vergangenen Sonntag Abend im Krankenhaus Rosenheim (Bayern), nachdem er in einem Restaurant zusammengebrochen war. Piëch war ein besonderer Auto-Konstrukteur: Ein Mann wie Carl Friedrich Wilhelm Borgward, der selbst entwickelte, selbst anpackte, Dinge beim Namen ansprach - aber anders als Borgward nicht gechasst wurde. Piëch chasste selbst, formte und prägte Volkswagen, Audi und Porsche. Nur ein Mann konnte Piëch am Ende stoppen: Ex-VW Boss Winterkorn, mutmasslich verantwortlich für den VW-Diesel Skandal und aktuell im Visier der Staatsanwaltschaft. Noch heute munkelt man, ob der Rückzug Piëchs nicht auch taktischer Natur war: So zog er sich elegant aus der Diesel-Affäre.

Ferdinand Piëch war Genie, Konstrukteur, Boss und Tyrann zugleich

Harald Kaiser, der Autor dieses Psychogramms, hat Ferdinand Piëch oft getroffen und ihn mehrfach interviewt. Er charakterisiert den Mann, vor dem sich viele seiner ehemaligen Mitarbeiter fürchteten und der die Medien zumeist als lästig empfunden hat.



Von Harald Kaiser: Viele seiner Topmanager, die er oft selbst engagierte, hat er später mit viel Geld im Gepäck vom Hof gejagt, wenn sie nicht spurten. Der Österreicher, schon als Multimillionär auf die Welt gekommen, war der Typ schneller Brüter. Fast immer wirkte er so, als stünde er ständig unter Hochspannung. Er war kein Kind des Windkanals, stattdessen kantig wie ein Tiroler Fels. Hier seine hervorstechendsten Charaktermerkmale:

Zusammengefasst: Er konnte alles, er wusste alles, er machte alles

Eitelkeits-Faktor: Himmelhoch, war kaum zu übertreffen. Aber das Wort trifft den gleichermassen stillen wie starken Wesenszug nicht wirklich. Vielmehr war es so: Er konnte alles, wusste alles, machte alles. Der Mann mit dem messerscharfen Verstand hasste es, Dinge zweimal zu erläutern. Über seinen Grips sagte er einmal: "Ich weiss, das er reicht." Traute sich zu, "heute, morgen und in zwei Jahren der Beste" zu sein. Mit dem Ansatz hat er zum Beispiel das Ein-Liter-Auto umgesetzt, mit dem er einst von Wolfsburg nach Hamburg zur Jahreshauptversammlung des VW-Konzerns fuhr. Verbrauch: 0,8 Liter Diesel. Dennoch ist der windschnittige Wagen bis heute nicht in Serie gegangen.



Diplomatie-Rate: Kaum wahrnehmbar, ging Richtung Null-Linie. Ex-Mitarbeiter sagen, das er das Fingerspitzengefühl einer ungeschliffenen Nockenwelle hatte. Der ehemalige BMW-Chef Eberhardt von Kuenheim meinte zur Berufung von Piëch zum VW-Boss 1993 erstaunt: "Das ist doch vor allem ein politischer Job." Piëch galt im Umgang – freundlich formuliert – als ruppig. Als er 1988 Audi-Chef wurde, kanzelte er seine Manager mit den Worten ab: "Mit 15 Prozent bin ich zufrieden. Mit 45 Prozent kann ich zusammenarbeiten, wenn die Leistungen besser werden, vom Rest werde ich mit trennen müssen."

Klare Ansagen, klare Kommandos - aber Diplomatie war nicht seine Stärke

Sympathie-Kurve: Zeigte in den Keller, kaum Ausschläge ins Positive. Besserung war in diesem Leben nie in Sicht. Manche Leute zitterten vor ihm. Der introvertierte Durch-und-durch-Techniker schien nur mit seinem Rechenschieber kommunizieren zu können.

Glamour-Drang: War stark unterentwickelt. Wirkte, wenn Kameras auf ihn gerichtet waren, wie ein unsicherer Konfirmand. Modisch kaum Chic im gleichwohl teuren Outfit. Er war stets der Typ graue Maus, aber mit Mass-Schuhen. Dieses Bild genoss er.



Ehrgeiz-Wert: War kaum zu übertreffen. Wollte immer auf den VW-Thron. Konnte nicht verstehen, das es ausser ihm noch andere Kandidaten gab. Ein ehemaliger Hauptabteilungsleiter von Porsche über ihn: "Ein technisches Genie, das ständig am Wahnsinn entlang schrammt." Nachdem er mit Porsche und VW und anderen Marken einen Auto-Riesen geschmiedet hatte, sah er sich als Ferdinand Porsche der Neuzeit, als Wahrer des Erbes seines Grossvaters. Einen kräftigen Schuss Selbstbewusstsein wird er ferner aus dem Umstand getankt haben, nicht mit dem Namen Porsche geboren worden zu sein. Weil seine Mutter Louise, eine geborene Porsche, einen Piëch geheiratet hatte, musste Sohn Ferdinand ein Leben lang mit diesem Namensmanko leben. Aber er hat sich immer als Porsche gefühlt. Sein verbissenes Motto lautete: Euch zeig' ich's.

Zitat - Ein technisches Genie, das ständig am Wahnsinn entlang schrammt

Marotten-Zahl: Schwer zählbar. Hat zum Beispiel bei Vorstandssitzungen verlangt, das jeder Teilnehmer vorher sagen muss, wie lange er auf die Minute genau reden will. Er sprach leise mit fisteliger Stimme und erzeugte so immer Aufmerksamkeit. Auch nahm er sich sehr viel Zeit für Antworten. Ein Manager: "Manchmal habe ich gedacht, der schickt die Antwort mit der Post." Gleichzeitig starrte er den Gesprächspartner mit einer Art Bannstrahl aus zwei Rohren gnadenlos an.



Das Psychospielchen führte beim Gegenüber zumeist schlagartig zu Schweissausbrüchen. Sobald er in einem gerade startenden Jet sass, sah er auf seine Uhr, wartete 40 Sekunden und griff danach beruhigt zur Zeitung. Wenn der Flieger nämlich nach 40 Sekunden nicht abhob, so seine Einschätzung, wäre es nach weiteren 20 bis 30 Sekunden meist zum Crash gekommen. Von dem wollte der Realist, der alles irgendwie berechnen wollte, nicht überrascht werden.

hs/Harald Kaiser/ampnet/auto-reporter | Fotos: Volkswagen


 

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